Nicht
nur Bücher, auch ihre Übersetzungen haben gelegentlich ihre Schicksale.
Dies gilt in besonderer Weise für die Biographien des englischen
Schriftstellers Gilbert Keith Chesterton über die großen
mittelalterlichen Heiligen Thomas von Aquin und Franz von Assisi.
Obgleich Forscher, die mit Originaltext und Übersetzung arbeiteten,
immer wieder erstaunt feststellen mußten, daß in den in den zwanziger
und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts übersetzten deutschen
Ausgaben sehr umfangreiche Teile des englischen Originals einfach
fehlten und sich stattdessen im deutschen Text Partien fanden, die kein
Pedant im Original haben – druckten die Verlage diese Texte immer
wieder ungeprüft und unverändert in den Folgeauflagen ab. Auffällig ist
vor allem, daß in diesen Übersetzungen die kritischen Bemerkungen des
englischen Konvertiten zu Martin Luther und zum aufkommenden
Nationalsozialismus unterschlagen wurden. Erst der junge Bonner Verlag
nova & vetera, ... macht dem nun ein Ende. Zum ersten Mal legt er,
mehr als ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung, die beiden
Biographien ungekürzt und in einer deutlich verbesserten neuen
Übersetzung, ... in einem Band vor. Diese Tatsache bedeutet nicht nur,
daß alle, die bisher nur die unzureichende deutsche Übersetzung
kannten, auf diese Neuerscheinung nicht werden verzichten wollen. Sie
führt auch dazu, sich dem Genuß einer wiederholten Lektüre von
Chestertons Heiligenbiographien erneut hinzugeben. Der Faszination, die
selbst kritische Geister wie den französischen Philosophiehistoriker
Etienne Gilson angesichts der Thomasbiographie erfaßte, werden sich
dabei weder Erst- noch Zweitleser kaum entziehen können.
Nicht
durch die Winkel historischer Feinheiten, die ohnehin die heutige
Hagiographie in einigen Punkten anders ausleuchtet, wird der Leser
geführt. Vielmehr läßt Chesterton die perennierenden großen Leitmotive
erstrahlen, die Leben und Denken dieser beiden mittelalterlichen Männer
auszeichnen....
Thomas und Franziskus haben der Gegenwart etwas zu sagen So
wird bei der Lektüre dieser beiden Biographien auch die Aktualität des
thomistischen Denkens und der franziskanischen Spiritualität deutlich.
Nicht nur, dass auch die Enzyklika „Fides et ratio" mit ihrem Konzept
der „impliziten Philosophie" die bei vielen modernen Philosophen so
verpönte Idee des „gesunden Menschenverstandes" rehabilitiert.
Darüber
hinaus wird kein Geringerer als Papst Johannes Paul II. nicht müde,
immer wieder mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil festzustellen, dass
sich erst „im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des
Menschen wahrhaft aufklärt". Im Angesicht der Probleme, vor denen das
Denken über den Menschen heute steht, scheint es eine große Chance, mit
Chesterton Thomas und Franziskus nicht nur als authentische Interpreten
dieses Konzilstextes zu verstehen, sondern auch als Väter eines
christlichen Humanismus für das einundzwanzigste Jahrhundert neu zu
entdecken.
David Berger, Rezension in Die Tagespost vom 10.01.2004